SERGEI LOZNITSA ÜBER SEINEN FILM

„Es gibt den banalen Satz: Die Geschichte wiederholt sich zweimal – das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Nein. Es gibt noch eine dritte Spiegelung derselben Ereignisse, desselben Stoffs, eine Spiegelung im Hohlspiegel der unterirdischen Welt. Das Sujet ist unvorstellbar und trotzdem real, es existiert tatsächlich, lebt neben uns.“

AUS: „DER SCHMERZ“ VON WARLAM SCHALAMOW

Schalamows Worte sind eine präzise Beschreibung dessen, was sich heute in einem Gebiet, das man einst Sowjetunion nannte, als Situation etabliert hat. Sie beschreiben auch, worum es in meinem Film geht: um das verzerrte Spiegelbild einer Unterwelt in einem gekrümmten Spiegel.

Der Film spielt im Donbass, einer Region im Osten der Ukraine, die von verschiedenen Gangs besetzt wurde. Zwischen der ukrainischen Armee, die von Freiwilligen unterstützt wird, und separatistischen Gruppierungen, die von russischen Truppen unterstützt werden, herrscht weiter Krieg. Es ist ein Hybridkrieg, der einhergeht mit einem bewaffneten Konflikt, in dem in ungeheurem Ausmaß gemordet und gestohlen wird, und schlägt sich in der zunehmenden Zerrüttung der Zivilbevölkerung nieder. Überall gibt es nur Angst, Verrat, Hass und Gewalt. Die Gesellschaft bricht zusammen, es herrschen Tod und tödliches Schweigen. Der Kriegszustand erreicht seinen Höhepunkt.

Die absurd, grotesk oder auch komisch und unvorstellbar anmutenden Situationen und Umstände sind dem wahren Leben entnommen. Manchmal können die an den Ereignissen Beteiligten gar nicht glauben, dass ihnen diese Dinge wirklich widerfahren. Und doch geschehen sie. Zu diesen Ereignissen kommt es, weil die unerbittliche Logik der Unterwelt, von der alle Generationen betroffen sind, die in der Katastrophe, die die UdSSR darstellte, geboren und großgezogen wurden, ihre eigenen Regeln diktiert. Meiner Ansicht nach ähnelt der Krieg, der gegenwärtig wütet, dem, der vor 70 Jahren stattgefunden hat: Es ist ein patriotischer Krieg und Bürgerkrieg zugleich.

Einer der Hauptgründe für diesen Krieg, der 2014 begonnen hat, ist der Zusammenbruch der UdSSR und das Scheitern des sowjetischen „Zukunftsprojekts“. Einem solchen Zusammenbruch hätten grundlegende Reformen sowie eine vollständige Umgestaltung der Gesellschaft oder aber ihr allmählicher Niedergang bis hin zu ihrer Zerstörung folgen können. In diesem speziellen Fall war die erste Option nach dem Zusammenbruch der UdSSR eine progressive Reform mit dem Ziel, ein Entwicklungsmodell nach europäischem Vorbild zu schaffen (wobei der Schwerpunkt auf die Rechte des Individuums, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz des Privateigentums gelegt wurde); die zweite Möglichkeit wäre die Rückkehr zu einem Leben in einem totalitären Regime sowjetischen Typs gewesen. Diese beiden Möglichkeiten sind in keiner Weise kompatibel bzw. schließen einander aus. Die Ukrainer haben mit überwältigender Mehrheit das europäische Modell gewählt, während sich Russland sehr schnell auf den Weg zurück zu einem sowjetischen Modell gemacht hat.

Man muss bedenken, dass das Donbass eine Industrieregion ist, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Einsatz von Arbeitern, die keinen Lohn erhielten, entwickelt hat: den Häftlingen aus dem Gulag. Deren Nachkommen ließen sich in der Region nieder und bauten rund um die Fabriken sowie in den Lagerbaracken eine eigenartige Gemeinschaft auf. In den letzten Jahren, vor allem unter dem ehemaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, der aus dem Donbass stammte, hat ein zunehmend kriminelles Klima in der Region entwickelt.

Und genau deshalb konnten paramilitärische Gruppen mit der militärischen und finanziellen Unterstützung des Nachbarn im Osten das Territorium unter sich aufteilen und nach der Maidan-Revolution die Macht an sich reißen. Der Krieg geht weiter, weil Russland die Separatistenbewegung finanziell und militärisch unterstützt. Sein Ziel ist simpel: Es will verhindern, dass die Ukraine ein unabhängiger Staat wird. Aber das ist eine andere Geschichte …

Was mich in erster Linie interessiert und umtreibt, ist der Menschentyp, der von einer durch Aggressivität, Niedergang und Zerfall geprägten Gesellschaft hervorgebracht wird. Es sind die Menschen, ihre Mentalität, ihre Beziehungen untereinander, die den Boden für historische Katastrophen bereiten. Die menschliche Natur kommt zum Vorschein, wenn die Gesellschaft zusammenbricht, wenn Gesetze nicht mehr gelten, wenn sich die Erde unter unseren Füßen auftut, wenn man sich nicht mehr auf die Institutionen, sondern nur noch auf die eigene geistige Kraft (sofern man über eine solche verfügt) stützen kann, um dem Chaos etwas entgegenzusetzen. Und gerade in diesen Momenten (im Allgemeinen in kriegsbedingt besonders unsicheren Zeiten) wird der Begriff Menschlichkeit auf viele Jahre hinaus definiert.

Der Film ist in 13 Episoden gegliedert. Jede davon erzählt eine Geschichte, die zwischen 2014 und 2015 in den besetzten Gebieten spielt. Der Film ist zwar ein fiktionales Werk, basiert jedoch auf wahren Ereignissen, so unglaublich diese auch scheinen mögen. Ich habe die anschaulichsten Geschichten und die erhellendsten Anekdoten zusammengetragen und ausgewählt. Miteinander verknüpft werden diese Episoden durch verschiedene Figuren, die uns durch die Erzählung und von einer Situation in die nächste führen. Wir geraten von einer absurden Komödie in eine absurde Tragödie. Die Protagonisten sind normale Bürger, die in den besetzten Gebieten leben.

Als ich klein war, hatten wir im Kindergarten vor allem Musikunterricht. Wir tanzten und sangen. In der Mitte der Klasse stand ein Klavier, und die Lehrerin spielte Kinderlieder oder patriotische Lieder. Manchmal ließ sie uns die „Reise nach Jerusalem“ spielen, was ich hasste.

Jeder kennt das Spiel „Reise nach Jerusalem“: Unter den letzten beiden Kindern ist dasjenige der Sieger, dem es gelingt, sich auf den letzten Stuhl zu setzen. In gewisser Weise bildet dieses Spiel ein grundlegendes Verhaltensmuster ab und lässt uns über die Begriffe Wettbewerb und natürliche Auslese nachdenken. Was mich aber an diesem Spiel am meisten ärgert, ist, dass man vom Willen anderer abhängig ist, von der Laune der Person, die die Musik spielt und entscheidet, wann sie aufhört. Als ich über diesen Film nachdachte, fiel mir das Spiel „Reise nach Jerusalem“ wieder ein und wie sehr ich es verabscheut hatte. Und plötzlich begriff ich etwas …

Stellen Sie sich einen Kindergarten in Donezk vor. Kinder spielen unschuldig die „Reise nach Jerusalem“. Plötzlich setzt das Granatfeuer ein. Schnell und leicht panisch laufen die Kinder und Lehrerinnen hinunter in den Keller. Die Klasse ist leer. Grünpflanzen stehen auf kleinen Möbeln, überall liegen Stühle herum, Explosionen sind zu hören … Eine Katze maunzt verängstigt. Plötzlich öffnet sich einer der Schränke. Ein kleiner fünfjähriger Junge klettert heraus. Er nimmt einen Stuhl, der von einem der flüchtenden Kinder versehentlich umgestoßen wurde, stellt ihn in die Mitte des Raums und setzt sich.

In der Ferne hört man Explosionen …